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Mittwoch, 27. August 2014

Begossener Pudel

Seit ein oder zwei Wochen erfreue ich mich jeden Tag an zehn oder fünfzehn begossenen Pudelinnen und Pudeln, die, mehr oder weniger gekonnt, sich einen Eimer Wasser, mit Eis angereichert über Kopf und Körper, selbstverständlich mit Freizeitkleidung verhüllt, geschüttet haben (bzw. schütten ließen) und mehr oder weniger dankbar vorher verkünden, dass irgendjemand sie nominiert hat. Manchen ist der Spaßfaktor durchaus anzusehen. Facebook lädt die Videos ja automatisch - also kann man fast nichts anderes als hingucken. Und so geht das dann im Schneeballsystem weiter, bis auch der letzte Goldfisch gewässert worden ist.

Nun sind Zeichen der Solidarität in unserer immer unsolidarischen Gesellschaft nicht das Verkehrteste. Und mal daran zu denken, dass es Menschen gibt, die durch Muskellähmung sich Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr immer weniger bewegen können, bis sie (durchschnittlich nach vier Jahren) sterben und bis dahin mit den Krankenkassen kämpfen, dass sie die nötige Hilfe bekommen - sicherlich was Tolles in unserer körperbetonten und körperfixierten Welt.

Es spricht auch viel dafür, dass Solidaritätszeichen Spaß machen sollen, aber es wäre schade, wenn es nur bei den - relativ seltenen - an Muskellähmung Erkrankten bleiben würde. Denn es gibt ein paar Leute und ein paar gesellschaftliche Prozesse mehr, wo Solidarität mehr als gut wäre:

Wie wäre es denn mal, wenn ein paar Leute mehr das Zeichen als T-Shirt tragen würden, dass die brutalen Gewalttäter den Christen im Irak an die Tür gemalt haben?
Wie wäre es denn mal, wenn ein paar Leute sich mal  auf Facebook verpflichten, an einem Wochenende trotz aller Parties keinen Alkohol zu trinken - weil so viele damit ziemlich heftige Probleme haben und Alkoholismus immer noch verschwiegen und verheimlicht wird und nicht als Krankheit benannt wird?
Was wäre denn, wenn man sich mal was klamottentechnisches überlegt - aus Solidarität mit den Arbeiterinnen in Bangladesh, die für einen Hungerlohn und unter erbärmlichsten Umständen die stylischen T-Shirts zusammen nähen, was wäre denn, wenn ein paar eisgecoolte Jungs zwischen 16 und 20 sich, auch wenn sie nicht schwul sind, mal das rosa Dreieck irgendwo deutlich sichtbar hinstecken, um dagegen zu protestieren, wie viele gerade an den ach so toleranten Schulen wegen ihrer sexuellen Neigung lächerlich gemacht werden - wenn sie sich überhaupt outen, wie wäre es denn mal, wenn sich ein paar Leute verabreden würden, spät abends die Entsorgungstonnen der Supermärkte zu durchwühlen, weil in sie unendlich viele noch genießbare Lebensmittel weggeworfen werden, was ist denn mit den Flüchtlingen, die in Italien zu Hunderten an die Küste geschwemmt werden oder auch mit denen, die in unseren Asylantenheimen leben  - ach, es gäbe noch so viele Möglichkeiten.

Eiswasser macht doch bekanntlich einen kühlen Kopf. Mal schauen, wie weit die Solidarität reicht.

1 Kommentar:

  1. Seit langer Zeit verfolge ich mit großem Interesse die Texte der Lüner Kirchenmaus und stelle fest, dass die immer ironischer werden.
    Nur eine geringe Dosis Ironie ist bekannterweise ein Merkmal einer intelligenten Schreibart, eine Überdosis davon verrät einen Miesepeter.

    Da passiert in einer ach so schlechten Welt endlich etwas Gutes und ist noch unterhaltsam dazu, dann möchte man meinen, dass sich die Kirchenvertreter freuen sollten. Auch im Kontext der neuesten Presseberichte über die ( teilweise ) falsche Verwendung der Spendengelder, ist Ice Bucket Challenge eine erstaunlich positive Aktion in einer Ellenbogengesellschaft, die nur so von Kriegsberichten berieselt wird. Hoffentlich schwappt die Welle der Videoclips mit eiskalter Dusche weiterhin durch unsere Internetseiten und die Spenden Lawine rollt weiter, trotz der meckernden Stimmen. Schließlich haben die treuen Kirchenbesucher auch weiter gespendet, obwohl wir einen habgierigen Bischof haben/hatten.
    Rein konjunktivistisch gesehen könnte alles in unserem Leben besser werden als es ist. Statt mit erhobenen Finger und belehrbarer Ironie auf andere Hilfeaktionen hinzuweisen, könnte man sich darüber freuen, dass die Welt doch nicht so schlecht und egoistisch ist, wie wir sie wahrnehmen.
    Ich jedenfalls lasse mir den Spaß nicht verderben, freue mich über jedes neue Video und spende auch, wenn ich nicht ( eiskalt ) geduscht habe.
    Über alle neuen Möglichkeiten der Solidarität kann man sich auch ohne Sarkasmus mit Freunden und Bekannten den Kopf zerbrechen, wobei man die Freude an der Sache nicht vergessen darf ! Wer selber Spaß an solchen Aktionen hat, der steckt die anderen an!
    Also:
    Lassen Sie Ihre Phantasie arbeiten und begeistern Sie die Mitmenschen mit Freude statt zu meckern!
    eine treue Leserin

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