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Dienstag, 2. September 2014

Kinder

Eine ganze Seite widmet die Süddeutsche heute dem kinderfeindlichen Berlin. Lärmschutzmauern, die zwischen Skater-Plätzen und Edelresidenzen gebaut werden, Schilder, die vor einem Café verkünden, dass Kinderwagen nebst Inhalt und Schiebekraft nicht gern gesehen werden, Proteste gegen den Bau von Kitas, Hotelbesitzer, die dagegen klagen, dass eine Schulklasse sich in ihrer gediegenen Unterkunft drei Tage vergnügt,  und derlei Untaten mehr.

Rückblick: Zu meiner Studentenzeit bat in der Petrikirche der stark genervte Pfarrer die lieben Eltern während der Predigt, sie mögen doch ein wenig darauf achten, dass ihr geschätzter Nachwuchs den Mittel- und Seitengang der Kirche nicht mit dem Nürburgring verwechselt, weil sie dort mit den mitgebrachten Autos scharfe Rennen fuhren, und gegen ihr brrrrrrrrruuuuummmmm waren die wohlgesetzten Worte des Predigers machtlos.

Das ist alles eigenartig. Das Wunschkind, geplant gezeugt, wird gemanagt, umhegt, umsorgt, Mama kämpft mit allen Mitteln dagegen, dass in der sorgsam ausgewählten Kita ja kein Erzieher (männlich) ihrem Nachwuchs die Windeln wechselt (er könnte ja, naja, man kann ja nie wissen - auch darüber berichtete die Süddeutsche ausführlich), selbst eindeutige Ungezogenheiten werden von Oma und Opa mit einem "ach ist der süß der kleine" belohnt, später droht Mama dem Lehrkörper mit dem Rechtsanwalt, weitere Aufzählungen überflüssig, weil völlig unappetitlich und gleichzeitig völlig realistisch.
Und der Hotelbesitzer (übrigens ein Vier-Sterne-Hotel), der die unterkunftssuchende Klasse 11 per Gerichtsbeschluss draußen vor der Tür halten will? Die gute Bude ist doch gerade erst vor zwei Jahren renoviert worden.

Ja, wir haben in manchen Kreisen eine massive Kinderfeindlichkeit. Das ist nichts schönzureden oder zu entschuldigen. Wir haben aber auch Kinder und Jugendliche, die außerordentlich apart oder gar nicht erzogen sind, was auf das Gleiche hinausläuft.

Eigentlich hat es das schon immer gegeben. Aber die meckernde Mieterin, deren und deren Pudel Mittagsschlaf gestört wurde, war die Ausnahme. Ebenso das verzogene Kind, für das Mama sich bis zum Direktor vorkämpfte, weil das zarte Wesen nicht behutsam genug (und natürlich völlig zu Unrecht) ermahnt worden war: All die gab es, aber eher selten. Und man lachte über sie.

Heute scheinen Ausnahmen die Regel zu werden.


Das folgende mag man jetzt getrost in den falschen Hals bekommen: Zu den regelmäßigen Gottesdienstbesucher/innen gehört eine Familie, deren fünftes Kind ich gerade getauft habe. Nummer eins ist einer der zuverlässigsten Messdiener (allerdings mit einer gehörigen Portion Frechheit), Nummer zwei schalkhaft fromm (eigenartige Mischung mit hoffungsvoller Prognose), Nummer drei kommt gerne mit seinem Dinosaurier in die Kirche und spielt stillvergnügt. Für den Fall, dass er nur noch vergnügt ist, gibt es einen präzise liebevoll-strengen Blick der Mutter. Das scheint zu genügen. Nummer vier und fünf sind noch eindeutig in der präekklesialen Phase. Vielleicht haben diese Kinder den großen Vorteil, dass sie nicht, einsam und allein, der Liebe ihrer Eltern und vier Großeltern ausgesetzt waren. Übrigens ist Papa kein Krösus. Sie kommen halt über die Runden. Nicht mehr und nicht weniger. Auch das scheint für Kinder optimal zu sein.

Manchmal geht's eben doch.

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