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Donnerstag, 8. Dezember 2011

Habemus hominem

Als ich noch ein Student war (das ist lange her), gab’s im Münsterland ein katholisches Pfarrhaus, wo dem Anschellenden hin und wieder ein Junge im Grundschulalter öffnete: Papa, da ist jemand – und wenn man Glück hatte, hörte man eine Stimme: Du sollst nicht Papa sagen, wenn jemand an der Tür ist. Natürlich war das alles im Rahmen des offiziell Erlaubten: Pfarrer und Haushälterin hatten den Jungen adoptiert, manche älteren und ältlichen Fräuleins tuschelten, aber das tun sie immer.

30 Jahre später läuft der Film „Habemus Papam“ – beiden, dem Pfarrhaus und dem Film – ist gemeinsam, dass die Protagonisten aus der Rolle fallen: Der Pfarrer schien nebenbei eine Art guter Familienvater zu sein, und der gewählte Kardinal liebt sein Menschsein mehr als das Amt, entwischt dem kardinalösen Altherrenclub, blinzelt in die Sonne und flaniert beschwingt durch die Straßen Roms.

Der Film verzichtet auf die bekannten Kirchenklischees: Kein Missbrauch, kein mädchenschindendes Internat mit brutalen Nonnen. Die Kirchenkritik schleicht in Filzpantoffeln, aber nicht weniger existentiell: Amt und Mensch, das ist nur noch begrenzt kompatibel. Dem verhinderten Papst reicht die blinzelnde Sonne, andere brauchen mehr. Der Prototyp des Jungklerikers ist oben beströmisch gekleidet und trägt dazu Designerjeans, und ein Paderborner Theologenprof belehrt mich, dass Amtskleidung nichts mehr über progressiv und konservativ aussagt, sondern eine Frage des Designs ist: Sieh her, ich bin gaaaanz offiziell, aber ich habe auch Privatleben. Irgendwann wird’s zum Spagat.

Längst ist es eine Binsenweisheit, dass die, die konservative Parolen predigen, das ZdK ins Fegefeuer wünschen und Lateinisch und die Rückenperspektive lieben, durchaus eine andere Form des Privatlebens praktizieren. Patchwork-Identität nennt man das, vornehm ausgedrückt. Der Papst kritisiert den Relativismus. Aber der hat längst die eigenen Reihen gepackt und fragt nicht nach konservativ oder progressiv.

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