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Samstag, 1. Oktober 2011

Erntedank im Hinterhof

In vielen Kirchen ist der Erntedankgottesdienst fest in Kindergartenhand. Niedliche Kinder singen fröhliche Weisen über Äpfel und Kartoffeln und Gottes Güte, mit strahlenden Minen, von eifrigen Erzieherinnen animiert.

Dabei ist der Tag mehr als grausig. Denn die vom Kirchenjahr verordnete Dankbarkeit ist völlig inkompatibel zum Umgang mit Lebensmitteln in Deutschland. Jeder Europäer und  Nordamerikaner wirft im Schnitt 100 kg Lebensmittel im Jahr weg, und zwar essbare Lebensmittel. In Deutschland sind das 20 Millionen Tonnen, ein Drittel davon ungeöffnet, weil das sogenannte MHD überschritten ist. Supermärkte fangen bereits zwei oder drei Tage vor diesem Datum an, die Regale auszusortieren. Und das ist nicht alles. Jede zweite Kartoffel zum Beispiel bleibt auf dem Feld liegen, weil sie den Standards der Supermärkte nicht genügt. Über die „Produktion“ von Hühnern könnte man seitenweise schreiben. (Die Konsequenzen, die ich daraus ziehe, verschweige ich diesmal. Ich fürchte die Rache jüngerer und älterer Mädchen.)

Alles ein Skandal, angesichts zunehmend verfetteter Europäer und Nordamerikaner und einer Milliarden Menschen, die anderswo hungern müssen.

Inzwischen gibt es sogenannte Mülltaucher, die nachts in den Hinterhöfen der Supermärkte fündig werden. Sie sind auf dem richtigen Weg. Bier zum Beispiel ist mehrere Jahre nach Ablauf des MHD trinkbar, H-Milch mehrere Wochen, Saft im Karton acht Monate, vakuumverpackter Hartkäse länger als ein Jahr: Das ist eine ganz besondere Weise von Erntedank: Nachernte der Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. Nicht die Schlechteste.

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