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Donnerstag, 10. November 2011

Wozu Krisen gut sind

Egal, was man liest und was man hört: Überall werden Krisen beschworen – in der Kirche, in der wir seit ungefähr 25 Jahren in der Krise sind, in der Politik, wo man sich von einer Bankenkrise zur nächsten Staatskrise hangelt, egal ob Griechenland oder Italien oder Frankreich, weiß der Geier, was als nächstes dran kommt.
Inzwischen glaube ich, hat das ganze Krisengerede vor allem einen entscheidenden Zweck: Man agiert und agiert, entwickelt Pläne und Rettungsschirme und neue Konzepte – und das alles erinnert vor allem an den armen Hamster im Laufrad.
Kirchenintern ist die ganze Misere nur noch schlecht kaschiert und zweigelagert. Selbst die Stellschrauben, die man nützen könnte, um für ein wenig Entlastung im Prozess der stark zunehmenden Entfremdung auch bei den eigenen Mitarbeitern zu sorgen (mehr Leitungsverantwortung für Laien, was kirchenrechtlich möglich wäre, vielleicht doch mal ein neues Nachdenken über Vielfalt bei Predigten oder ähnliches, was nun wirklich keinem einen Zacken aus der Krone bricht) werden sorgsam umschifft. Sie würden zumindest kleine Zeichen vertrauensbildender Maßnahmen sein, um mal von den größeren Dingen zu schweigen. Aber noch wichtiger wäre es doch, sich von Idealen zu verabschieden, die in längst vergangenen Zeiten liegen, durch Erinnerungslücken in wunderbar verklärtem Licht erscheinen und in anderem Licht betrachtet auch Akte der Befreiung sind.

Im politischen Kontext hat die permanente Krisenbeschwörung den schönen Nebeneffekt, von anderen Schauplätzen abzulenken. Grenzen des Wachstums? Von wegen. Wirtsschafswachstum wird wieder zu einem undiskutierbaren Wert an sich. Wer redet denn von der Klimakatastrophe (beschönigend inzwischen Klimawandel genannt), von immer häufigeren Dürren in Afrika, von drastisch sich verknappenden Rohstoffen? Da bewältigt man doch lieber eine Bankenkrise nach der anderen (wobei die Banken, nebenbei bemerkt, fast alle nach wie vor Gewinne in Höhen einstreichen, die jede Vorstellungskraft übersteigern).

Woraus zu lernen wäre: Jede schöne Krise hat vor allem den Zweck: Ein paar andere Sachen kann man galant in den Hintergrund schieben.

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