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Dienstag, 5. Juli 2011

Ein Auge ist das alles sieht

Der Mensch scheint ein Wesen zu sein, das der Überwachung bedarf. Unbeobachtet schmiert er die Wände voll, schmeißt seine leeren Zigarettenschachteln in die Fußgängerzone, verhaut beim Fußball Andersfühlende und verrichtet, sofern er eher männlich strukturiert ist, auch schon mal seine Notdurft an nicht dafür vorgesehenen Stellen.

Die alten Frommen wussten das, wenn sie verkündeten: Ein Auge ist, dass alles sieht, auch wenn’s in finstrer Nacht geschieht. Mit diesem aufmerksamen Auge hielten sie die Zahl der Untaten in Grenzen und zwangen den Menschen zu anständigem Verhalten.

Leider ist das Auge, das alles sieht, abgeschafft. An seine Stelle sind die Nachbarn getreten, die überall ihre Videokameras installieren, damit sogar ins WC und in den Swimmingpool linsen und die neben ihnen wohnenden Menschen wenn’s sein muss 24 Stunden lang unter Kontrolle halten. Selbstredend, dass das nicht überall auf Sympathie stößt, wie ich gerade in den Nachrichten erfahren durfte und wie man es auch im Internet nachlesen mag:

„Beim NRW-Landesdatenschutzbeauftragten mehren sich die Beschwerden wegen Verletzungen des Persönlichkeitsrechts durch Video-Überwachungssysteme an Privathäusern. Bettina Gayk, Sprecherin des Landesdatenschutzbeauftragten, nennt eine Steigerungsrate von rund zwölf Prozent jährlich. Zwar bedarf der Hauseigentümer keiner Genehmigung, wenn er eine Kamera an seinem Haus anbringen möchte. Allerdings muss er eine Menge beachten. ‚Er muss dafür sorgen, dass alle Datenschutzgesetze eingehalten werden‘, stellt Bettina Gayk klar“.

Ach, da halte ich es mit Sir 2,18 „Besser ist es, in die Hände (sprich: unter die Augen) Gottes zu fallen als in die der Menschen.  Besser ist es, in die Hände des Herrn zu fallen als in die Hände der Menschen. Denn wie seine Größe, so ist sein Erbarmen, und wie sein Name, so sind auch seine Werke“ (was bekanntlich ja auch König David wusste, als er Gewissensbisse bekam wegen seiner Volkszählung). Denn mit Gott kann man durchaus schon mal verhandeln, ob das, was er gesehen hat, wirklich so übel ist, wie es einem die Eltern eingetrichtert haben oder nicht. Einen verhandlungsbereiten Nachbarn, den muss man vermutlich erst einmal erfinden.

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