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Montag, 4. April 2011

Die aufpolierte Speisekarte

Manche ehemaligen, rustikalen Gaststätten, die zu Restaurants mutiert sind, haben im Rahmen einer gründlichen Imageverbesserung auch ihre Speisekarte aufpoliert. Da bekommt man dann plötzlich irgendeine Meeresspezialität (früher: Fisch) an (!) irgendwelchen wohlklingenden Sößchen in aufgestylten Gemüsebeeten, das alles noch mit italienischen Wortbröckchen garniert  - ich gebe zu, ich bekomme die Formulierungen nicht so richtig auf die Reihe, weil ich ohnehin ahne, was das schließlich heißt: weniger auf dem Teller für mehr Geld. Deshalb lese ich mir das auch schon alles nicht mehr durch, sondern gehe lieber zu meinem derzeitigen Lieblingstürken, wo ich mir in der Vitrine anschauen kann, was er aktuell zusammengebrutzelt hat.

Allen, die sich in den letzten Jahrzehnten gemüht haben, das Image unserer mehr oder weniger geliebten alten Dame, Mutter Kirche zu verbessern, hat der Soziologe Detlef Pollack mächtig eins vor den Latz geknallt. Nützt alles nix. Die vielfach behauptete außerkirchliche Religiösität, für die sich die alte Dame so schick und attraktiv machen möchte, existiert überhaupt nicht. Wer überhaupt noch glaubt, der glaubt auch an einen Gott als Person statt als höheres Wesen und trägt sich zumindest mit der Absicht eines regelmäßigen Kirchenbesuchs. Ob der "Laden brummt" oder nicht, liegt nicht an Aufhübschungsversuchen, sondern an "externen Faktoren": Je demokratischer, je rechtsstaatlicher und je wirtschaftlich effizienter Gesellschaften sind, desto schwächer ist ihre religiöse Bindung.


So weit, so - na, was? Gut oder schlecht? Erstens, liebe Kirchenleute, mich eingeschlossen: Nehmt euch nicht so wichtig. Zweitens: Macht eure Arbeit. Seht zu, dass die Leute was Anständiges auf den Tisch bekommen. Drittens: Jammert nicht so viel. Mehr wäre nicht zu tun. Aber heute muss man ergänzen: Weniger auch nicht.

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